Wenn es Ihnen so geht wie mir und Sie sich nun in Gegenwart dieser imposanten
Meisterwerke zunächst die Frage stellen: Ist hier tatsächlich alles Gold, was glänzt, so
lautet die Antwort – JA. Andernfalls wäre der Ausstellungstitel „Gold“ wohl gar nicht
zulässig.
Zugegeben, die Frage ist eine oberflächliche. Und oberflächlich, das ist die Kunst
Hermann Staudingers keinesfalls. Gestatten Sie mir zur Erläuterung also etwas
auszuholen und in der frühsten Kindheit des Künstlers zu beginnen: Viele Menschen
träumen in ihrem Leben ja von der erfolgreichen Suche nach Gold. So auch der Künstler.
Aber nicht – wie wohl die meisten – aus monetärer Motivation. Nein, Hermann
Staudingers Suche nach dem Gold ist eine technisch-spirituelle.
Im Alter von zehn Jahren, tut er das, was viele Kinder am liebsten tut: er malt und
zeichnet. Was ihn jedoch von der Mehrheit unterscheidet: er wird es weiter tun. Die
Einsamkeit des Prozesses – ohne sich dabei je alleine zu fühlen – weckt in ihm ein
Gefühl von Geborgenheit. Die bildnerische Kunst wird im Leben Staudingers früh zu
einer Art Zufluchtsort und soll es auch bleiben.
Damals aber – mit zehn Jahren – illustriert er gerade das Märchen vom Froschkönig. Wir
alle kennen es: der hübschen Prinzessin fällt ihre geliebte Goldkugel in die Tiefe des
Brunnens. Einzig und alleine ein darin wohnender Frosch ist in einem heroischen Akt im
Stande ihr die geliebte Preziose zurückzubringen. Im Gegenzug fordert der Frosch ein
Leben an ihrer Seite – in ihrem Bett zu schlafen, von ihrem Teller zu essen und ja, sogar
einen Kuss, der das Ekel evozierende Amphibium letztlich in den schönen Prinzen, der er
ja eigentlich immer war, verwandeln soll. Die beiden leben glücklich bis an ihr
Lebensende. Ende gut alles gut.
Nicht aber im Fall des jungen Hermann Staudingers, der damals an der Illustration der
goldenen Kugel scheitert – mehr als ein leuchtendes Orange oder ein gleißendes Gelb ist
einfach nicht drin. Der Glanz des Goldes will und kann nicht gelingen – andernfalls wäre
Staudinger wohl Alchemist.
Wird er aber nicht: Ender der 80er Jahre entscheidet sich der gebürtige Oberösterreicher
für eine Laufbahn als Künstler – studiert an der Angewandten in Wien bei Ernst
Caramelle Grafik und Malerei. Es entstehen Wolkenbilder aus sanften Bleistiftkreiseln
und Fotoserien etwa über schlafende Hunde. Merken Sie sich: Beide Techniken sollen
von zentraler Bedeutung im OEuvre Staudingers bleiben.Doch wie so oft, scheint beim Nachbarn das Gras grüner: Ein Freund und Kommilitone, der in der Parallelklasse bei Bruno Gironcoli studiert, lehrt Staudinger die Technik des
Vergoldens. Heureka! Das Gold gelingt. Und es wird ab 1995 zur allgegenwärtigen
Konstante im Scha$en des Künstlers.
Was ihn daran fasziniert, sind die Beständigkeit und Schönheit des glanzvollen
Edelmetalls. Nicht etwa die Instrumentalisierung als Status- oder gar Machtsymbol.
Staudinger nutzt es aufgrund seiner koloristischen Eigenschaften: Er möchte damit die
Wärme der Sonne einfangen, dem Licht in seiner Kunst Einzug gewähren und für
Betrachtende Räume eröffnen, die emotional berühren. Räume, die mehr zeigen, als
das ohnehin Offensichtliche. Räume der Transzendenz – jenseits des Bewussten.
Ähnlich wie etwa in der Ikonenmalerei.
Geht es ihm dabei um die Fortsetzung tiefverwurzelter, kunsthistorischer Traditionen?
Nein. Möchte er sich diesen verschließen? Ebenfalls: nein. Ist das Gold im Falle
Staudingers ikonografisch überladen? Noch ein letztes Nein. Aber darf Kunst gefallen?
JA. „Kunst muss schön sein dürfen, ohne aber dabei zwangsläufig gefällig zu sein“
– hat mir Hermann Staudinger einmal erzählt.
Wie aber gelingt dieser Spagat oder besser gesagt: die Wanderung entlang dieses
schmalen Grates? Seine Antwort: In dem man das Gold in seiner Strahlkraft bändigt. In
dem man es einbindet – ohne, dass es zu vordergründig ist.
Und hier schließt sich nun der Kreis: Ist alles Gold, was glänzt? JA. Aber auch die
Flächen, die in der Komposition glanzlos und leise zurücktreten, sie dadurch beruhigen
oder eben bändigen – JA, auch sie sind Gold. Gold, das nicht beabsichtigt aufdringlich
zu sein. Gold, das Gold entschleunigt.
Ob das Gold nun glänzt oder nicht, ist letztlich eine Frage der Vergoldungstechnik.
Schauen wir dazu ganz kurz genauer hin. Treten wir also in Resonanz mit den
Lichträumen seiner einzelnen Werkgruppen: Hier im Falle der Goldwände, die das
abstrakte Ende im OEuvre Staudingers bilden, werden tausende Blattgoldplättchen
mittels altbewährter, traditioneller Kreidevergoldung auf einen zuvor monochrom
bemalten Bildträger – in diesem Fall eine Hartholzplatte – aufgebracht. Durch das sanfte
Beschleifen bleibt die Vergoldung bloß an jenen Stellen bestehen, an denen sich die
Goldplättchen überlappen. Andernorts tritt die Untermalung entschleunigend hervor.
Die Untermalung bringt mich auch gleich zur Gruppe der Goldgrundphotos, bei denen
das Motiv – Fotografien aus dem persönlichen Umfeld des Künstlers – mittels Ink-Jet-
Druck auf einen zuvor vergoldeten Bildträger gedruckt werden. In malerischer
Kontextualisierung funktioniert das Gold hier als eine Form leuchtender Untermalung.
Das aufgedruckte Motiv ist es, das die Komposition bändigt und letztlich das Narrativ
des Bildes bedingt.
Und nun abschließend die Goldgrundprägungen: Was Sie hier sehen ist weder
Zeichnung, noch Malerei und auch kein Druck. Was Sie hier sehen ist reines Licht –
stellenweise gebrochenes Licht. Dazu wird das Motiv zunächst bearbeitet, ehe es auf
Papier gedruckt und über eine vergoldete Weichholzplatte gespannt wird.
Nun beginnt der Zauber: Mittels Bleistift werden die schwarzen Stellen der Fotografie
durch Abertausende kleine Striche – ohne dabei Farbe zu übertragen – in den Goldgrund
geprägt. Es ergibt sich eine reliefartige Struktur, an der sich das einfallende Licht bricht
und letztlich das Motiv sichtbar werden lässt.
So, nun habe ich genug geredet und würde vorschlagen: Lassen wir die Bilder sprechen.
Also: Tauchen Sie ein in dieses El Dorado und sollte Sie der Goldrausch packen – JA, alle
hier gezeigten Arbeiten stehen zum Verkauf.
Vielen Dank!